Gespräch mit der Zeitzeugin Frau Lieblová - Insassin in den KZ`s Theresienstadt und Auschwitz
Es ist nicht selbstverständlich, dass 150 Schüler über 90 Min still sitzen und gebannt zuhören. Genau
dies geschah am 3. November im Forum, wo sie der Lebensgeschichte der 80-jährigen Frau Dagmar Lieblová
lauschten. Sie ist gebürtige Tschechin und Jüdin und hatte als 6-Jährige den Einmarsch der Hitler-Truppen
in die Tschechei und bald danach die Diskriminierungen der Juden erlebt: Das Schulverbot, das
Ausgangsverbot nach 20 Uhr, den Raub aller Wertgegenstände durch die Nazis. Im Juni 1942 wurde
sie mit ihren Eltern und Geschwistern in das KZ Theresienstadt eingeliefert, wo Mangel an allem
herrschte, besonders am Essen und Trinken. Ende 1943 wurde sie mit ihrer Familie nach
Auschwitz-Birkenau deportiert - die Vernichtung vor Augen. Anschaulich schilderte sie,
wie sie in die "Sauna" geschickt wurden, was für viele den sicheren Tod bedeutete, aber
noch nicht für ihre Familie. Im Juli 1944 wurden arbeitsfähige KZ-Häftlinge in Deutschland
zu Aufräumarbeiten gebraucht. Kinder unter 16, Frauen über 40 und Männer über 50 galten nicht
mehr als arbeitfähig. Das war das Todesurteil für ihre Eltern und ihre Schwester. Weil für
Dagmar irrtümlich ein falsches Geburtsjahr eingetragen war, wurde sie mit anderen in Außenlager
des KZ Neuengamme bei Hamburg transportiert und 1945 noch ins KZ Bergen-Belsen getrieben, wo die
Lebensmittelversorgung völlig zusammengebrochen war. Schwer krank wurde sie im April zusammen
mit den anderen Häftlingen von britischen Truppen befreit.
Beeindruckend war, wie sie in freier Rede und mit einem fehlerfreien Deutsch über ihren Leidensweg
sprach. Ihre Stimme wurde nur für einen Moment etwas brüchig, als sie über den Mord an ihrer Familie
sprach. Für sie war es ein Sieg, dass sie eigene Kinder in die Welt setzen konnte, die aber
mütterlicherseits keine Verwandten hatten.
Nach 60 Minuten Vortrag kamen Schülerfragen. Ob sie denn sagen könne, wie sogenannte "Scherze" von der SS gegenüber Häftlingen zu erklären waren. Sie berichtete, dass manchmal deren Mütze weggeworfen wurde. Wenn sie rannten, um sie wiederzuholen, wurden sie "auf der Flucht erschossen". Ob es denn in Bergen-Belsen eine Selbstbefreiung von Häftlingen gegeben habe. Nein, dafür waren sie zu kraftlos. Die einzige Selbstbefreiung hatte es in Buchenwald unter Führung eines illegalen internationalen Lagerkomitees gegeben.
Zum Schluss sprach sie die Schüler an, sie sollten dieses Wissen weitertragen und dafür sorgen, dass solche Verbrechen nie wieder passieren. Auch in der Nachbereitung in den Klassen zeigten sich die Schüler stark beeindruckt. Drei Klassen äußerten inzwischen den Wunsch, eine Fahrt zu einer KZ-Gedenkstätte durchzuführen.
Lüder Möller, Emil-Possehl-Schule







